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Wildauer Kurbelwellendenkmal Röthegrund Blumenkorso

05.01.2013 Der Ingenieurverein ITW von Wildau sieht es als seine Pflicht an, zur Ehrenrettung der Wildauer Kurbelwellenarbeiter des ehemaligen SHR Wildau, Aufklärung zur Entstehungsgeschichte des an vorgenanntem Ort zur Schau gestellten Erzeugnisses zu geben, im Volksmund „Ausschusswelle“ genannt.
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Diese 8-hübige Kurbelwelle trägt die Typenbezeichnung 8 N 601 mit der Stahlmarke 42CrMo4 - einer Chrom-Molybdänlegierung - und war für den Einbau in einem Schiffsdieselmotor vorgesehen.

Der Schmiederohling hierfür wurde im damaligen Ernst Thälmann Werk (ETW) in Magdeburg im Preß-Stauchverfahren bei Temperaturen von etwa 1300 Grad und mehrmaligen Erwärmungen – also nicht in einem Arbeitsgang - geschmiedet. Das im ETW entwickelte Verfahren war patentiert und galt weltweit als Novum zur Herstellung von Großkurbelwellen mit einer Masse von mehr als 20 Tonnen. Das Ausgangsmaterial war ein in Kokillenform gegossener Stahlblock mit dem Schaumkopf des Gußverfahrens. Im Gegensatz zum Gesenkschmieden von Kurbelwellenrohlingen bis zur Masse von etwa 3,5 Tonnen, bei dem gewalzter Stabstahl zum Einsatz kommt, barg das Preß-Stauchverfahren das Risiko unerwünschter Materialeinschlüsse in sich, die im Rohzustand bei Materialprüfungen nicht erkennbar waren. Auch bei der Materialprüfung im Stadium der mechanischen Vorfertigung waren Materialfehler nicht erkennbar. Danach erfolgte der technologisch notwendige Vorgang des Spannungsfreiglühens der vorbereiteten Welle und anschließend die Arbeitsgänge der Fertigbearbeitung einschließlich der Schmierlochbohrungen. Erst nach dem Feinschliff der einzelnen Hub- und Lagerzapfen waren die abschließenden Arbeitsgänge der Endmaßkontrollen und der Ultraschallmessungen möglich. Die Endmaßkontrolle verlief einwandfrei und bezeugte eine einwandfreie „Qualitätsarbeit“. Doch bei der abschließenden Ultraschallmessung zeigten sich bei einem der Hubzapfen winzige Haarrisse, so dass diese komplett fertiggestellte Kurbelwelle für den Einbau in einen Schiffsdieselmotor nicht den höchsten Qualitätsanforderungen der internationalen Klassifizierungsgesellschaften entsprach.

Man solle sich die Schockwirkung der damals dort tätigen Arbeiter vorstellen. Diese fertige Kurbelwelle war durchaus geeignet, in einen stationär arbeitenden Dieselmotor eingebaut zu werden, doch es fanden sich keine Abnehmer trotz mehrjährigem Bemühen.

So wurde sie zu einem makabren Denkmal für die hochgeschätzten Wildauer Kurbelwellenbauer.

Günter Kapuscick im Auftrag des Vereins ITW