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Russland im Fokus

24.10.2014 Am Donnerstag, dem 23.10.2014, fand im Restaurant des Wildorado`s, dem Wildauer Sport-  und Freizeitzentrum, die dreizehnte Veranstaltung der Reihe „Interessante Persönlichkeiten zu Gast in Wildau. Der Bürgermeister lädt ein“ statt. Diesmal ging es um Russland.
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Foto: Gisela Michailov

Eingeladen hatte der Wildauer Bürgermeister zwei Russland-Expertinnen in einer Person: die Schriftstellerin Adele Sauer und die Unternehmerin, Journalistin und Beraterin Dr. Martina Wiedemann. Frau Wiedemann schreibt unter dem Pseudonym Adele Sauer Bücher über Russland. Vor kurzem erschien von ihr ein Buch über den russischen Alltag: „Pelmeni & Sauerkraut – kein Kochbuch.“ Zunächst las Frau Dr. Wiedemann (Adele Sauer) Alltagsstories aus ihrem Buch vor. Danach begann eine Gesprächsrunde über die heutigen Verhältnisse in Russland und über das Verhältnis Deutschland-Russland. Der Alltag in Russland ist viel härter und unsicherer als in Deutschland. Aber die Russen haben Gleichmut gelernt und das Freuen über kleine positive Episoden. Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in Russland sind deutlich anders als in Deutschland. Russland insgesamt ist reich wegen seiner Naturschätze. Aber der Reichtum ist im Lande sehr ungleich verteilt. Es gibt sowohl prosperierende große Städte, nicht nur Moskau und St. Petersburg, aber auch viele verfallende Dörfer und Kleinstädte. Und es gibt superreiche russische Bürger, aber auch viele Arme. Die wirtschaftliche Grundlage des russischen Reichtums ist nicht sehr stabil. Die Wirtschaft ist nicht breit aufgestellt. In den letzten Jahren gab es jedoch ein zunehmendes Engagement deutscher Firmen auf dem russischen Markt, auch in Bezug auf Betriebsgründungen und Produktionsaufbau, auch in Bezug auf Anfänge eines dualen Ausbildungssystems. Das deutsche Engagement in Russland wird von den Russen sehr positiv bewertet. Die Russen haben erstaunlicherweise überhaupt ein positives Verhältnis zu den Deutschen und zu Deutschland allgemein.

Natürlich ist Russland in vieler Beziehung anders als Deutschland. Russland ist riesengroß und schwer zu organisieren bzw. zu regieren. Es ist auch nicht falsch zu sagen, dass Russland in vieler Beziehung historisch noch hinter Deutschland zurück steht bzw. in Russland noch viel passieren muss, um den hiesigen Entwicklungsstand zu erreichen. Das betrifft zum Beispiel das Rechtssystem, das Gesundheitssystem und auch Sozialsystem. In nicht wenigen Themenbereichen kann Russland von deutschen Erfahrungen, von der deutschen Entwicklung profitieren. Aber das politische Verhältnis beider Länder ist gegenwärtig ziemlich schwierig. Das hängt vor allem mit der Ukraine-Krise zusammen. Das Zerwürfnis zwischen Russland und der Ukraine wird von vielen Menschen in Russland und in der Ukraine sehr schmerzlich empfunden. Die Krise ist ziemlich irrational. Und Europa/Deutschland ist dabei. Im Interesse der Bürger aller beteiligten Seiten wäre es sinnvoll und gut, die vorhandenen Probleme sachorientiert zu diskutieren und zu lösen. Alles andere, zum Beispiel militärische Muskelspiele, führen nur in die falsche Richtung und wirken sich auf alle Beteiligten negativ aus. Deutschland hat die Möglichkeit, als Moderator zu wirken. Diese Möglichkeit sollte/muss genutzt werden, auch im deutschen Eigeninteresse. Nach sehr langen, schwierigen Jahren ist es gelungen, das Verhältnis Deutschland/Frankreich und das Verhältnis Deutschland/Polen positiv zu gestalten. Das kann und sollte auch in Richtung Osten gelingen, sowohl zu Russland als auch zur Ukraine.

Ein russisches Alltagsthema, das zu einigem Schmunzeln beitrug, war das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in Russland. Auch in dieser Beziehung gibt es deutliche Unterschiede zu Deutschland. Das liegt zunächst ganz objektiv daran, dass die Männer aller Altersgruppen aus verschiedenen Gründen in Russland in der Unterzahl sind. Es gibt also Wettbewerb, Konkurrenz der Frauen um die (relativ knappen) Männer. Die Frauen müssen und wollen sich immer besonders hübsch machen. Und wenn sie dann einen Mann ergattert haben, dann versuchen sie, ihn fest an die Kandare zu nehmen (im Rahmen des Möglichen). Auch die Eifersucht ist ein ganz wichtiges Beziehungsthema in Russland. Es werden auch ausländische Männer, z.B. Deutsche, in Russland von den Frauen gern gesehen.

Natürlich wurde auch in der Wildauer Gesprächsrunde intensiv und kontrovers über die Rolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin diskutiert. Neben Anerkennung seiner Leistung, dieses riesige Land erfolgreich zu führen, gab es auch Kritik wegen diktatorischer Aspekte seines Führungsstils. Über dieses Thema hätte die Gesprächsrunde noch sehr lange sich austauschen können. Man einigte sich aber nach dem spannenden Diskurs auf einen friedlichen Ausklang des Abends. Die Autorin, Journalistin und Beraterin Dr. Martina Wiedemann wurden von den ca. 40 Teilnehmern der Veranstaltung mit einem herzlichen Applaus verabschiedet.

Dr. Uwe Malich, Bürgermeister