wildau.de »Startseite »Aktuelles »Meldungsübersicht »"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

24.05.2012 Lesung mit Walter Nowojski aus den Tagebüchern von Victor Klemperer

Am 16. Mai 2012 fand im Volkshaus Wildau eine Lesung mit Walter Nowojski aus den Tagebüchern von Victor Klemperer statt. Der in Eichwalde lebende Nowojski war ein Schüler des Romanisten Klemperer.
Walter Nowojski 1.jpg
Bilder von Frau Gerline Irmscher

Der Einladung ins Volkshaus folgten ca. 50 Gäste. Bürgermeister Dr. Uwe Malich begrüßte den eingeladenen Herausgeber und die Gäste. Anschließend stellte Annett Goldberg, Leiterin der Gemeindebibliothek, Walter Nowojski vor.

Nowojski ist 1931 geboren. Der Arbeiterjunge besuchte während des Krieges nur eine zweiklassige Volksschule. 1947, sofort bei seinem ersten Erscheinen, machte er als Lehrling die Bekanntschaft mit Victor Klemperers Buch „LTI“, das er nur kaufte, weil er sich unter „LTI“ nichts vorstellen konnte. Es wurde für viele Jahre für ihn das wichtigste Buch, weil es ihm wie vielen seiner Generation den Kopf frei machte für besseres, humaneres Denken. Als er doch noch ein Studium aufnehmen konnte, begegnete er an der Berliner Humboldt-Universität zum ersten Mal Victor Klemperer, dessen Schüler er wurde. Über diese Zeit sagt er selbst: „Der Mann hatte eine Überzeugungskraft, die Horizonte öffnete. Ein solcher Lehrer hinterlässt Spuren. Man kommt immer wieder auf ihn zurück.“ Oft habe Klemperer zu seinen Studenten gesagt: „Wenn ich Euch die Hand gebe, muss ich nicht fürchten, dass das Blut meiner Familie daran klebt, Ihr seid die einzig Unschuldigen.“

Seine berufliche Laufbahn begann Walter Nowojski in einem Verlag; später wechselte er zum Rundfunk als Literaturredakteur, dann als Chefdramaturg. Zu Beginn der 70er Jahre arbeitete er für das Fernsehen der DDR. Im Jahre 1975 übernahm er die Zeitschrift des Schriftstellerverbandes „Neue Deutsche Literatur“. Seine als Schüler entdeckte Leidenschaft für den von den Nationalsozialisten verfolgten Romanisten Victor Klemperer flackerte 1978 wieder auf, als er vom Nachlass Klemperers, den auf 16.000 Seiten handschriftlich verfassten Tagebüchern in der Dresdner Landesbibliothek hörte. In 35-jähriger Arbeit hat er die „Sauklaue“, wie Nowojski die Handschrift von Klemperer zuweilen beschreibt, entziffert, als Manuskript erfasst und herausgegeben. Nach Nowojskis Auffassung erzählen die handschriftlichen Seiten über die Geschichte Nazideutschlands und die Nachkriegszeit mehr, als alle Historiker bisher aufgeschrieben haben. 1995 erschienen die ersten Tagebücher Klemperers, herausgegeben von Walter Nowojski. Sie schildern die Erlebnisse von 1933 bis 1945 und tragen den Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“. 1996 brachte er die Tagebücher der Jahre 1918–1932 heraus, welche den Titel „Leben sammeln, nicht fragen, wozu und warum“ tragen. 1999 erschienen die Tagebücher der Jahre 1945–1959 unter dem Titel „So sitze ich denn zwischen allen Stühlen“. Dabei war die Kürzung des Inhaltes nach Aussage von Nowojski schwieriger als das Entziffern der Schrift Klemperers. Er orientierte sich dabei am „Curriculum vitae“, der Jugendbiographie Victor Klemperers, das der Romanist als Manuskript hinterlassen hatte und das Nowojski bereits im Frühjahr 1989 in der DDR veröffentlichte. Hieran konnte er studieren, wie Klemperer selbst mit den Aufzeichnungen umgegangen ist, was er hervorhob und was er eleminierte.

In der Veranstaltung las Nowojski einen Auszug aus den Tagebüchern der Zeit von 1933 bis 1945, der einen bewegenden Eindruck davon vermittelte, was Juden in Nazideutschland angetan wurde, die als „privilegiert“ galten, nicht in Konzentrationslager deportiert, aber dennoch in Judenhäuser gesperrt wurden und ständige Razzien und Drangsalierungen über sich ergehen lassen mussten.

Von allen im Tagebuch vorkommenden jüdischen Leidensgefährten, auch wenn es sich nur um zwei Zeilen handelte, wollte Nowojski das weitere Schicksal ergründen. Er recherchierte zu jedem erwähnten Namen die lückenlose Biografie. In mühevoller, jahrelanger Arbeit in Auschwitz und Theresienstadt, in Dresdner Archiven, in Archiven der jüdischen Gemeinde gelang es ihm, diese herauszufinden. Damit konnte er gleichzeitig vielen Menschen helfen, das Schicksal ihrer Verwandten aufzuklären und endlich Ruhe zu finden. Eines dieser Schicksale, das des jungen Henry Meyer, schilderte er den Zuhörern.

Henry Meyer spielte als kleiner Junge schon wunderbar Geige. In Klemperers Tagebuch findet der Junge Erwähnung, als er während einer Beerdigung, an der auch Victor Klemperer teilnimmt, musiziert. Henry Meyer und sein Bruder Fritz wurden, wie fast alle Juden, ins KZ deportiert. Sein Bruder Fritz starb in Folge der schweren Arbeit im Konzentrationslager. Henry wurde von einem polnischen Kapo gerettet. Kapo war in der Zeit des Nationalsozialismus die Bezeichnung der Position eines Funktionshäftlings in einem Konzentrationslager. Dieser lancierte ihn in die Lagerkapelle des KZ´s in Auschwitz, welche lustige Lieder zur Ablenkung von dem bevorstehenden Martyrium spielen musste, wenn die Juden im Konzentrationslager ankamen und in die Gaskammern geschickt wurden. Diese schreckliche Prozedur machte er mehrere Jahre mit und überlebte nur so den Krieg. Für seine „Dienste“ bekam er ganz wenig Geld, er kaufte sich davon Zigaretten und tauschte diese gegen Brot, wodurch er sein Überleben sichern konnte. Nach dem Todesmarsch von Ausschwitz bis Buchenwald gelang ihm die Flucht. Amerikaner fanden, verhörten und brachten ihn nach Amerika, wo es ihm mit Hilfe jüdischer Emigranten gelang zu studieren, ein erfolgreicher Geigenlehrer zu werden und im LaSalle String Quartet die 2. Violine zu spielen. Er verstarb 2010. In einer seiner letzten Mails äußerte er sich auf eine Frage von Nowojski, dass er es sich nicht vorstellen könnte, jemals wieder in Deutschland zu leben.

243 Biografien und damit verbundene Schicksale wie dieses erforschte Nowojski. Er lebt im Geiste mit diesen Personen und freute sich jedes Mal, wenn er feststellte, dass jemand überlebt hatte.

Gegen Ende seiner Ausführungen bekam Walter Nowojski großen Applaus von den Anwesenden, unter denen sich auch einige jüngere Gäste befanden. Nachdem die Gäste im Volkshaus einen sehr bewegenden Vortrag von Walter Nowojski erlebt hatten, folgte im Anschluss eine emotionale Diskussion. Auf die Frage, ob ihm nie die Kraft für diese Arbeit fehlen würde, antwortete Walter Nowojski: „Nein, wenn ich es nicht zu Ende bringe, wird es niemand mehr machen.“ Walter Nowojski selbst benötigt noch ca. vier Jahre, bis er die Veröffentlichung der Tagebücher fertig gestellt hat.

Übrigens, für diejeniegen, die es noch nicht wissen, die Abkürzung „LTI“ steht für die lateinischen Worte Lingua Tertii Imperii (Die Sprache des Dritten Reiches). Der Titel von Klemperers Buch war zunächst ein Schutz gegen die Gestapo, falls sie seine Aufzeichnungen aufspüren sollten; zugleich aber auch eine Anspielung auf die vielen Abkürzungen und Umdeutungen von Begriffen der deutschen Sprache durch die Nazis, womit sich das Buch befasst.

Wir wünschen Walter Nowojski viel Gesundheit und weiterhin viel Schaffenskraft, um diese außergewöhnliche Arbeit zu vollenden.

Katja Lützelberger, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit