Herr Krenz

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Nein, es ging nicht um den nach Walter Ulbricht und vor Egon Krenz von 1971 bis 1989 amtierenden Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, sondern es ging hauptsächlich um die Biografie von Walter Ulbricht, aber auch um Ereignisse in der kurzen Amtszeit von Egon Krenz.

Egon Krenz war am 27.6.2013 in der Gaststätte des Wildorado in der Gesprächsreihe „Interessante Persönlichkeiten zu Gast in Wildau. Der Bürgermeister lädt ein“ der Ehrengast. Egon Krenz hatte sich als Herausgeber eines neuen Sachbuches der Mühe unterzogen, 70 Zeitzeugen Walter Ulbrichts zu dessen Leben und Wirken ausführlich zu befragen. Walter Ulbricht ist eine widersprüchliche und umstrittene deutsche Politikerpersönlichkeit der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts. Walter Ulbricht war unter anderem Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts KPD-Chef der Region Berlin-Brandenburg und Reichstagsabgeordneter. In den 30er Jahren und der 1. Hälfte der 40er Jahre (bis 1945) des 20. Jahrhunderts war der KPD-Mann in der sowjetischen/russischen Emigration. Er überlebte das Stalinsche Terrorregime. Nach 1945 wurde er zu einem der wichtigsten Partner der Sowjetunion bei der Beherrschung und Entwicklung ihrer ostdeutschen Besatzungszone, der späteren DDR. Auch um Walter Ulbricht wurde mindestens bis 1956 viel Personenkult betrieben. Später, in seiner Reifephase, entwickelte er sich tatsächlich noch zu einem Reformer. Insbesondere in der 2. Hälfte der 60er Jahre versuchte er die DDR auf verschiedenen Gebieten, darunter in wirtschaftlicher Hinsicht, zu modernisieren und ein wenig vom „großen Bruder“ Sowjetunion abzukoppeln. Damit war Ulbricht aber nicht erfolgreich, weil er sowohl von einem Großteil seiner damaligen Spitzen-Parteifreunde, als auch von der sowjetischen Führungsmacht ausgebremst und im Frühjahr 1971 als Parteichef der SED abgelöst wurde.

Honecker wurde sein Nachfolger und beendete die begonnenen Reformbemühungen und führte die DDR wieder fest an die Seite der Sowjetunion. Egon Krenz hat sich mit seinen 70 Zeitzeugen ganz verschiedenen Seiten Ulbrichts genähert. Ulbricht war ein strategischer Denker. Und er war ein Freund und überzeugter Anhänger des Sports, des Leistungssports und des Volkssports. Auch von westlichen Politikexperten wird Ulbricht inzwischen durchaus in eine Reihe mit Adenauer gestellt. Danach kamen Adenauer und Ulbricht von ihrer Bedeutung her schon bald nach Bismarck. Natürlich wurde Ulbricht auch bekämpft und verachtet und auch belächelt (Spitzbart). Aber in den 60er Jahren wurde er z.B. von vielen Berlinern und Randberlinern auch sympathisch-spöttisch als „Ulli“ bezeichnet. Nach 1971 wurde er auch in der öffentlichen Darstellung zur Seite geschoben. Honecker duldete keinen 2. Parteiführer neben sich. Ob der Kurs Ulbrichts besser gewesen wäre als der Honeckers, bleibt aber Spekulation, wenn auch eine historisch interessante. Natürlich kam Egon Krenz in seinem Statement auch auf die revolutionären Ereignisse in der späten DDR 1989 zu sprechen. Hier ging es allerdings weniger um die Ursachen der Krise, als um die Maßnahmen wichtiger Akteure in dieser Zeit. Einig waren sich der Gast, der Moderator - der Bürgermeister - und die Zuhörer in der positiven Würdigung des friedlichen Charakters der revolutionären Umgestaltung zum Ende der DDR. Der Bürgermeister lobte gerade vor dem Hintergrund der Ausführungen von Egon Krenz über das Verhältnis Sowjetunion/DDR und der internationalen Bewertung der deutschen Spaltung die historische Leistung von Helmut Kohl, im Zusammenwirken mit der gesellschaftlichen Umwälzung in der DDR diesen Teil Deutschlands aus der engen „brüderlichen Umarmung“ durch den "russischen Bären", durch die Sowjetunion zu befreien und die deutsche Einheit wieder herzustellen; bei allem auch heute noch möglichen Streit über bestimmte Modalitäten des Einigungsprozesses. Insgesamt verlief die Gesprächsrunde offen und von gründlicher Sachkenntnis bestimmt. Dem historisch und politisch Interessierten sei das neue Buch über Walter Ulbricht durchaus empfohlen.

Die Veranstalter bedanken sich bei der Seehotel Zeuthen GmbH und Co. KG und der BMW Autohaus Wernecke KG für die Unterstützung der Veranstaltung.

Dr. Uwe Malich, Bürgermeister