Herr Grossmann

2014-09-25- BM lädt im Wildorado ein - Victor Grossmann 11-03.1928, 86 Jahre_-21.DNG.jpg
Ein „Ami“ in Wildau

Am 25.September 2014 war der bekannte Journalist und Buchautor Victor Grossmann zu Gast in der Wildauer Veranstaltungsreihe „Interessante Persönlichkeiten zu Gast in Wildau. Der Bürgermeister lädt ein.“ Victor Grossmann kann auf eine lange, intensive und abwechslungsreiche persönliche Geschichte zurückblicken. Victor Grossmann wurde 1928 in New York geboren. Victor Grossmann ist jüdischer Abstammung. Seine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits wanderten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus dem Russischen Reich in die USA aus. Grund dafür waren die prekären Lebensverhältnisse und die damals ständige Gefahr von Pogromen gegen den jüdischen Bevölkerungsteil. Die Großeltern Grossmanns kamen aus dem Baltikum und aus der heutige Ukraine, beides gehörte damals zum Russischen Reich.

Victor Grossmann orientierte sich in seiner Jugend schon sehr früh politisch „links“. Er wurde zu einem Jung-Kommunisten. Er erläuterte den Zuhörern wie er sich als Jugendlicher im Mai 1945 über den Sieg der Alliierten, insbesondere der Sowjetunion und der USA, über Nazi-Deutschland freute. Zu großer Freude Anlass gaben ihm damals auch die erfolgreichen Atombomben-Abwürfe der USA über Hiroshima und Nagasaki in Japan. Diese Bomben führten zu einem schnellen Kriegsende in Ostasien und retteten vielen amerikanischen Soldaten das Leben. Die welthistorische und für die Welt insgesamt bedrohliche Dimension dieser Atombombenabwürfe wurde ihm erst später bewusst. Ein besonderes Jahr für ihn war 1952. Er wurde zur US-Army eingezogen und in Deutschland, in Bad Tölz, stationiert. In dieser Zeit fühlte er sich zunehmend von der US-amerikanischen Verfolgungsmanie in der sog. Mc Carthy-Ära bedroht. Die Bedrohung empfand er so stark, dass er, um sich vor dem Gefängnis zu retten, aus der Army über die Donau in den sowjetisch besetzten Teil Österreichs desertierte. Von dort kam er über Zwischenstationen schließlich nach Bautzen. Allerdings nicht in das Zuchthaus, sondern in ein Kulturheim. Später studierte er Journalistik in Leipzig und siedelte dann (1958) nach Berlin über.

Victor Großmann wurde in dieser Zeit ein ausgesprochener Fan der DDR. Für ihn war die DDR ein starkes Bollwerk gegen eine mögliche Re-Nazifizierung Deutschlands. Wegen seiner jüdischen Abstammung natürlich von entscheidender Bedeutung. Immerhin spielten in Westdeutschland ehemalige NSDAP-Kader in allen gesellschaftlichen Bereichen eine wesentliche Rolle; in der Politik, im Militär, im Geheimdienst, in der Justiz, in der Polizei, in den Medien usw. Die Bundesrepublik Deutschland war damals ja auch deutlich anders als heute. Grossmann hatte dieses Thema auch wissenschaftlich und journalistisch in den 60er Jahren intensiv aufgearbeitet. Victor Grossmann gab zu, dass er zunächst vom Machtantritt Erich Honeckers und von der Ablösung Walter Ulbrichts positiv angetan war. Er erwartete mit Erich Honecker eine spürbare Verbesserung der sozialistischen Verhältnisse in der DDR. Heute sieht er dies als damaligen Irrtum und inzwischen wertet er auch den „fistelnden Sachsen“ Walter Ulbricht wesentlich positiver als damals. Victor Grossmann konnte berichten, dass er als USA-Fachmann fast eine Monopolstellung zu DDR-Zeiten hatte und zu vielen Gesprächs- und Diskussionsrunden eingeladen wurde und einem interessierten Publikum über seine Heimat berichten konnte. Obwohl Victor Grossmann die zunehmenden Schwierigkeiten in der DDR in den 80er Jahren erkannte, blieb er ihr bis zum Schluss verbunden. Auch heute blickt er noch mit einigem Bedauern auf das Scheitern der „deutschen Fußnote“ (Stephan Heym) zurück. Immerhin blieb sein Verhältnis zu den USA auf Grund seiner Desertion bis Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre sehr schwierig. Dann gelang ihm allerdings ein Vergleich mit der Weltmacht USA und 1994 konnte er seinen offiziellen Abschied aus der US-Army nehmen und ab da sein Heimatland wieder besuchen. Victor Grossmann blieb bis heute der Stadt Berlin treu, obwohl er zugleich auch enge persönliche und politische und intellektuelle Beziehungen zu seinem Heimatland pflegt. Auf die Frage nach den Stärken und Schwächen der heutigen Bundesrepublik antwortete er mit einer Reihe von Beispielen, die zeigten, dass die heutigen USA in vielen Punkten hinter der Bundesrepublik Deutschland zurück sind: in sozialer Hinsicht (Einkommensniveau vieler Arbeitskräfte, oft fehlende Krankenversicherung, Diskriminierung von Teilen der Einwanderern), in politisch-demokratischer Hinsicht (Wahlrechtsbeschränkungen), auch in wirtschaftlicher Hinsicht (starke De-Industrialisierung).

Die Feststellung eines der Gründungsväter der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasalle, von der entscheidenden Bedeutung des allgemeinen Wahlrechts für den Weg einer Gesellschaft zum Sozialismus, die in der DDR nicht selten spöttisch verlacht wurde, wurde als Basis für die gesellschaftliche Weiterentwicklung auch aus heutiger Sicht positiv bewertet. Allerdings sollten/müssten die Bürger das Wahlrecht auch ernst nehmen.

Ein letzter Gedankenaustausch galt der ursprünglichen Heimat der Großeltern von Grossmann. Um den Konflikt in der Ukraine und zwischen der Ukraine und Russland zu lösen, sind intensive Verhandlungen notwendig. Militärische Muskelspiele und Auseinandersetzungen und auch Wirtschaftssanktionen würden wenig für eine Konfliktlösung bringen. Die Sanktionen würden vor allem die normale Bevölkerung treffen, in den Krisengebieten, aber auch darüber hinaus, auch in Deutschland. Deshalb vor allem Verhandlungen! Und Deutschland kann und sollte dabei intensiv mithelfen. Als Moderator und als Türöffner für die Konfliktparteien.

Dr. Uwe Malich
Bürgermeister