Dr. Klaus Blesssing
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Wer verkaufte die DDR? – Dr. Klaus Blesssing zu Gast in Wildau

Foto von Manfred Tadra
v.l.  Dr. Blessing, Bürgermeister Dr. Uwe Malich und
Dr. Manfred Domagk



Am Donnerstag, dem 16.03.2017, fand in der Villa am See – Klubhaus und Hafen in Wildau die 18. Veranstaltung aus der Reihe „Interessante Persönlichkeiten zu Gast in Wildau. Der Bürgermeister lädt ein“ statt.
Eingeladen war ein politischer Sachbuchautor, Dr. Klaus Blessing, der im vergangenen Jahr 2016 die Fragestellung aufgriff, „Wer verkaufte die DDR. Wie leitende Genossen den Boden für die Wende bereiteten“. Dr. Blessing brachte zu der Veranstaltung auch einen seiner beiden Co-Autoren mit, und zwar Dr. Manfred Domagk. So saß der Bürgermeister der Stadt Wildau mit zwei DDR-Staatssekretären a.D. im Podium, um den Crash der DDR 1989/90 als Auftakt für eine tiefgehende gesellschaftliche Umgestaltung im Osten Deutschlands zu analysieren. Dies vor allem um Erkenntnisse/Lehren für die gesellschaftliche Weiterentwicklung unseres Landes in der gegenwärtigen Situation und für seine weitere Perspektive zu gewinnen.
Die Meinungen prallten vor knapp 60 Zuhörern aufeinander, aber immer sachlich, konstruktiv und oft genug auch mit reichlich Schalk im Gespräch. Auch wenn es um Schalck ging, den ehemaligen DDR-West-Außenhandelsexperten und deutsch-deutschen Unterhändler. Das Thema DDR ist ja inzwischen ein historisches. Man kann es jetzt nüchtern und wissenschaftlich ambitioniert behandeln. Natürlich wurde der „subjektive Faktor“ ausgiebig diskutiert. Neben Schalck spielten Günter Mittag (Wirtschaftssekretär der SED-Führung), Gerhard Schürer (Vorsitzender der Staatlichen Plankommission) mit seiner Politbüro-Vorlage vom Oktober 1989, Außenhandelsminister Gerhard Beil und schließlich auch der saarländische Ex-DDR-und SED-Chef Erich Honecker eine wichtige Rolle für die Erklärung des Endes der DDR. Noch ausführlicher wurden die relativ schwierigen politischen, wirtschaftlichen und geostrategischen Rahmenbedingungen der DDR vom Beginn ihrer Existenz an bis zu ihrem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland diskutiert. Deutlich gemacht wurde dabei, dass beide deutsche Staaten nach dem furchtbaren, maßgeblich von Deutschland ausgegangenen 2. Weltkrieg relativ schnell - vor allem auch auf Grund des Umsteuerns der Siegermächte in Bezug auf die von ihnen besetzten Teile Deutschlands - wieder politisch, ökonomisch und die Lebensverhältnisse der Menschen betreffend die „Stunde Null“, die katastrophale Zusammenbruchskrise Deutschlands nach dem Sieg der Alliierten über das faschistische Deutschland, nach deutscher Kapitulation und Befreiung und Besetzung des Landes, überwinden konnten. Beiden deutschen Staaten gelang in den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Wirtschaftswunder, der Bundesrepublik noch besser als der DDR, was auch mit der Rolle, mit den Zielen und Möglichkeiten der jeweiligen Führungsmächte USA und UdSSR zu tun hatte. Beide deutsche Staaten hatten eine strategisch sehr wichtige Prellbock-Funktion für die beiden Haupt-Siegermächte gegen die jeweils andere. Dafür mussten die beiden deutschen Staaten jeweils stark gemacht werden. Die Sowjetunion hatte dabei aber noch eine andere Option. Die unter anderem schon 1952 sehr deutlich wurde. Nämlich eine echte Neutralisierung Deutschlands insgesamt und auf dieser Grundlage eine möglichst enge Kooperation zwischen der Sowjetunion (Russland) und Deutschland. Diese Option spielte auch 1990 eine wichtige Rolle bei den Bemühungen der Sowjetunion (Gorbatschow), das „Europäische Haus“ umzubauen in Richtung Abrüstung, Friedenssicherung und Kooperation. Diese Erwartungen von damals haben sich allerdings trotz der Wiederherstellung der deutschen Einheit nur bedingt erfüllt. Ja, der Zustand des „Europäischen Hauses“ ist mittlerweile wieder sehr besorgniserregend. Gerade das für Europa so wichtige Verhältnis von Deutschland und Russland ist ausgesprochen angespannt.
Wegen der komplizierten Gemengelage von objektiven und subjektiven Einflussfaktoren auf Werden und Vergehen der DDR war es schwer, auch noch dem Anliegen von Klaus Blessing zu folgen und die „Systemfrage“ zu stellen, also welches System ist denn nun für die Menschen, für ihre Lebensqualität, das bessere System. Die kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft (Marktwirtschaft) oder eine sozialistische Gesellschaft mit gesamtgesellschaftlicher Planung und (viel) Gemeineigentum? Immerhin gab es dahingehend eine Einigung, dass die DDR neben eklatanten Mängeln und Fehlern auch starke/gute Seiten hatte für das Leben der Menschen. So etwa eine relativ große soziale Sicherheit (anders als oft heute). Die Möglichkeiten, die heutige kapitalistische Gesellschaft positiv weiter zu gestalten, wurden kontrovers diskutiert. Defätistische Sichten wie auch euphemistische Betrachtungen und - zumeist – nüchtern–sachliche Meinungen wurden dazu geäußert. Übereinstimmung gab es dahingehend, dass für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems sowohl breite Diskussionen als auch wissenschaftliche Analysen nötig und hilfreich sind. Dr. Klaus Blessing und sein Co-Autor Dr. Manfred Domagk haben dafür viele Inspirationen geliefert.

Herzlicher Applaus der knapp 60 Veranstaltungsteilnehmer dankte es ihnen.

Dr. sc. Uwe Malich
Bürgermeister